Interview mit Konstantin Grcic

PublishedBaumeister 1.2016
Photos • Pinakothek der Moderne
Text • Regina Schubert

Vor der Ausstellung „Konstantin Grcic: The Good, The Bad, The Ugly“ in der Pinakothek der Moderne in München führte Regina Schubert das Gespräch für die Architekturzeitschrift Baumeister mit dem Designer Konstantin Grcic.

Baumeister: Herr Grcic, was macht für Sie exzellentes Design aus?
Konstantin Grcic: Sie haben bewusst „exzellent“ gewählt. Das ist aber ein Begriff, mit dem ich mich erst mal schwer tue.

B: Dann lassen Sie uns mit gutem Design anfangen?
K G: Generell hat man kein Rezept dafür, was gutes Design ist. Design in meinem Verständnis ist eher Industriedesign als Einzelstück. Die Herstellung spielt eine große Rolle. Ist es gut herstellbar? Wie geht es mit Ressourcen um? Wie reizt es bestimmte Technologien aus? Wie ökonomisch ist es? Ebenso hat Design mit Funktion und Offenheit zu tun. Der Designprozess ist gut, wenn er offen ist. Wenn man Dinge ausprobieren, neue Fragen stellen und alte Dinge hinterfragen kann. All das führt zu gutem Design.

B: Was haben Sie gegen den Begriff „exzellent“?
K G: Man kann die Frage, was exzellentes Design ist, nur durch Pauschalisierung und Vereinfachung beantworten. Ich finde die Bewertung von Design kann nie pauschal sein. Man muss sich über ein spezielles Objekt unterhalten und schauen, ob es bestimmte Aspekte erfüllt. Erst dann kann man das Etikett „exzellent“ nutzen.

B: Lassen Sie uns doch über Ihre Ausstellung sprechen. Was ist das Konzept der szenografischen Installation des TT-Pavillons für Audi?
K G: Es war mein erster Ausflug als Designer in die Architektur. Ich habe den TT-Pavillon als kleines polygonales Gebäude aus Holz und Aluminium konzipiert. Der Audi TT ist für mich ein Auto, mit dem man aus der Stadt heraus in die Natur fährt. Dieses Erlebnis wollte ich durch ein kleines Raumobjekt veranschaulichen. Mir ging es darum, die fortschrittliche Technologie der Autoherstellung auf einen architektonischen Zusammenhang zu übertragen und miteinander zu verheiraten.

„Was sind Räume? Was macht ihre Qualität der Atmosphäre aus? Was kann ein Möbelstück im Dialog mit dem Raum leisten? „

B: Könnten Sie sich vorstellen, in der Art ein ganzes Haus zu entwerfen?
K G: Autos sind außenordentlich raffinierte Gebilde. Ein ganzes Haus wie ein Auto zu bauen wäre wahrscheinlich sehr spannend, würde aber auf Kosten der Sinnlichkeit gehen. Es geht auch gar nicht darum, ein klassisches Haus als ein hochtechnologisches Objekt zubauen. Wichtiger ist es, das Thema der Behausung – aktuell in Zeiten der Flüchtlingskrise – zu überdenken. Wir müssen heute Lösungsansätze für Unterkünfte finden, die man schnell produzieren und aufbauen kann. Gerade wir als Industriedesigner können dazu einen Beitrag leisten: Wir verstehen einfach viel davon, wie man Dinge rationalisiert und in hoher Stückzahl produzierbar macht.

B: Ihr Pavillon ist eine enge Kooperation mit einem Unternehmen. In vielen Unternehmen spricht man heute von „Design Thinking“. Gehört diesem Konzept die Zukunft?
KG: Die Unternehmen wie Audi sind in ihrem Entwicklungsprozess sehr spezialisiert. Der Prozess ist sehr hermetisch – eine Welt für sich. Um sich zu öffnen, holen sich die Unternehmen durch Designkooperationen eine Stimme von außen. Daraus entstehen neue Perspektiven und manchmal auch interessante Resultate. Für mich schafft die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen ebenfalls neue Perspektiven. In der Zukunft wird es diese Formen der Zusammenarbeit häufiger geben.

B: Sie sind vielleicht einer der bekanntesten Designer Deutschlands. Wie ist Ihr Verhältnis zur Architektur?
K G: Ich bin architekturbegeistert. Ich bewundere die Disziplin sehr, auch wenn ich mich in jungen Jahren dagegen entschieden habe. Ich bin besser in kleinerem Maßstab. Die Architektur spielt aber trotzdem immer eine Rolle, besonders beim Möbelentwurf. Möbel funktionieren immer im Kontext mir Architektur. Der Bezug und die Auseinandersetzung, sowohl mit der zeitgenössischen wie auch historischen Architektur, ist sehr wichtig. Was sind Räume? Was macht ihre Qualität der Atmosphäre aus? Was kann ein Möbelstück im Dialog mit dem Raum leisten? Manchmal haben wir die Möglichkeit, direkt mit Architekten zusammen zu arbeiten. Das erweitert meine gewohnten Arbeitsmuster.

B: Apropos Arbeitsmuster. In der aktuellen Ausstellung sehen wir den mehrjährigen Entwurfsprozess Ihres berühmten Stuhls „Chair_One“. Die 27 Arbeitsmodelle zeigen die detaillierte Auseinandersetzung mit Material, Oberfläche und Volumen. Haben Sie die Modelle selbst gebaut?
K G: Bei uns im Büro KGID ist Design Teamarbeit. Wer ein Modell baut, ist viel involvierter. Für ihn oder sie ist in diesem Moment das Modell wertvoll. Ich komme mit der Schere und scheide sofort rein. Das ist natürlich erst mal ein Stich ins Herz für den Modellbauer. Aber ich kann das machen, weil ich das Ding nicht gebaut habe. Mit diesem Abstand kann ich kühl bleiben. Der, der es gebaut hat, verliebt sich in das Modell. Das ist die Gefahr, das behindert immer das Denken im Prozess.

B: Vielen Dank für das Gespräch.