Loftwohnung von Studio Karhard

Published • AIT 7.2016
Design • studio karhard, Berlin & Kathrin Klock, Berlin
Location • Berlin
Photos • Stefan Wolf Lucks, Berlin
Text • Regina Schubert

Mit einem legendären Club fing für studio karhard alles an. Seitdem eilt Alexandra Erhard und Thomas Karsten der Ruf der Club-Architekten immer voraus. Ein Problem haben die beiden damit nicht – sie können auch anders. Aktuell haben sie die Loftwohnung in der ehemaligen Stockwerksfabrik in Berlin-Mitte fertiggestellt. „Mir gefällt der warme Minimalismus und deren Blick fürs Detail“, so der Bauherr über das Architekten Duo. Raten Sie mal, wo der Bauherr und karhard sich kennengelernt haben?

Wenn die Sonne in Berlin aufgeht, steuert die Party im legendären Club gerade mal ihrem Höhepunkt entgegen. In der Techno-Kathedrale Berghain wird die Nacht zum Tag und der Tag zur Nacht. Für die meisten bleibt der Club hinter der imposanten Fassade des einstigen Kraftwerks für immer ein Geheimnis: hermetisch abgeschirmt von dicken Mauern, hohen Zäunen und harten Türstehern. Es ist eine Parallel­welt mit eigenen Gesetzen. An kaum einem anderen Ort Berlins – ach was! – Deutsch­lands, ist das Publikum skurriler, ausgelassener und freizügiger als hier – ein Treffpunkt abseits jeglicher Gesellschaftsformen und Arbeitsplatz von Ben Klock, einem der Resident-­DJs des Berghains. Klock hat mit seinen spartanischen, dafür mehr als zehn Stunden langen Sets maßgeblich zum Erfolg der Spielstätte beigetragen. 

Ein Domizil zum innehalten

Der ehemalige Grafikdesigner hat das geschafft, wovon viele DJs und Produ­zenten träumen. Hinter der erfolgreichen Karriere steckt eine große Leidenschaft für elektronische Musik und viel harte Arbeit. Barcelona, Sydney, New York – Klock ist fast ständig auf Tour und passiert einen Transitraum nach dem anderen. Da ist es verständlich, dass der Berliner sich nach einem Domizil sehnte, in dem er innehalten und sich wie zu Hause fühlen kann. ­Geeignete Architekten musste er nicht lange suchen. Der warme Minimalismus der Haus- und Hof-Architekten des Berghain – ­studio karhard – hatte ihm schon immer zugesagt. Es galt lediglich, das Duo von der Zusammenarbeit mit ihm und Kathrin Klock, seiner Schwester und ebenfalls Architektin, zu überzeugen. Thomas Karsten und Alexandra Erhard gehören nämlich zu den Architekten, die sich ihre Aufträge und Auftraggeber genau aussuchen. Neben dem Berghain haben sie eine ganze Reihe weiterer Berliner Adressen aufgemöbelt: den stylishen Friseursalon Viktor Leske (AIT 1/2.2011), die Aufsehen erregende Zahnarztpraxis am Ku’damm (AIT 11.2012) oder den unterirdischen Avenue Club im legendären Café Moskau (AIT 06.2014). Doch offensichtlich wurde man sich einig! 

Ebenfalls in Berlin liegt Klocks Appartement, in einer ehemaligen Stockwerksfabrik aus dem Jahr 1876, die von den Secura-Werken für Fein- und Elektromechanik genutzt wurde. Das innenarchitektonische Konzept gab den Architekten die vorhandene Bausubstanz mit einem wichtigen historischen Bau­element bereits vor: die Preußische Kappendecke. Diese wurde vor allem im 19. Jahr­hundert als statisches System für Geschossdecken in Industrie- und Wohn­gebäu­den verwendet. Zu jener Zeit war – besonders in Wohnhäusern – die gewölbte Untersicht nicht sehr beliebt und wurde oftmals aufwendig mit dicken Putzschichten oder beplankten Unterkonstruktionen kaschiert. 

Wer die Arbeiten von studio karhard verfolgt, wird festgestellt haben, dass die Berliner Architekten nicht nur „Material­fetischisten“, sondern auch „Bestandsflüsterer“ sind. So wurde die Kappen­decke zusammen mit der grauen Gusssäule neu belebt und mit Licht akzentuiert. Eine große Heraus­forderung beim Umbau der ehemaligen Fabrikfläche lag darin, alle Innen­räume lediglich durch drei Fenster gleichmäßig mit ausreichend Tageslicht zu versorgen. Die Architekten entschieden sich für einen offen gestalteten Grundriss: So gut wie ohne Trennung gehen Küche, Schlafbereich, Bad und Wohnzimmer ineinander über. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man riesige, federleicht gleitende Schiebetüren, die bei Bedarf nach Privatsphäre geschlossen werden können. Die Stahl-Glas-Fenster unter der Kappen­decke fungieren als Oberlichter und versorgen die Küche und den Essbereich mit indirektem Licht. Im Wohnzimmer wurde die Decke zugunsten einer guten Raumakustik mit straff gespannten Stoffbahnen abgehängt. Mit einem gemauerten Kamin, Eichenholzboden und einem Garagentor, das Ess- und Wohnbereich trennt, schaffen die Architekten eine gestalterische Verbindung zum industriellen Bestand. Die Küchenecke, deren Möbel wie filigrane Werkbänke wirken, bleibt streng aufgeräumt und wirkt doch behaglich. 

Maximum an Atmosphäre und Funktionalität

Erhard und Karsten lieben es, mit Oberflächen, Mate­rialien und der Wirkung von Farben zu spielen. Im Badezimmer ist Türkis der Hingucker. Der farbige Fliesenspiegel erfrischt den zurückhaltend gestalteten, in Grau- und Weiß­töne getauchten Raum und die frei im Raum stehende Badewanne kommt vor dem blauen Hintergrund besonders gut zur Geltung. Den Architekten ist es gelungen, jedem Raum ein Maximum an Atmosphäre und Funktionalität einzuhauchen. ­Bei aller Schlichtheit und Zurückhaltung wirkt das Apartment jedoch nie unpersönlich. Klocks persönliche Vorlieben, eigens entworfene Detaillösungen und ein stimmiges Gesamtkonzept machen aus einem ­Apartment sein Zuhause.